Jonas Vertrauen - Eine Reise in spiriuelles zu Denken

 

Ein Roman

 von

Werner Dück und IVOSUN

Anwaltlich hinterlegt bei RA Holger von Hartlieb

 

Das ausschnittsweise oder gesamte Kopieren des Textes ist untersagt bzw. nur nach Rücksprache mit Werner Dück möglich.

Jona staunte.

Gestern Abend hatte er einen Brief an Gott geschrieben und ihn, wie ihm sein Vater geraten hatte, auf das Fensterbrett gelegt. Eigentlich klang der Vorschlag seines Vaters nicht ernst gemeint. Er machte sich darüber lustig, daß ein 12jähriger Junge Briefe an Gott schreibt. So was machen höchstens 6jährige Kinder, und die schreiben dann ans Christkind, sagte er lachend zu Jonas Mutter.

Mit großen Augen starrte er nun auf das Fensterbrett. Der Brief war verschwunden. Dafür lag ein Antwortbrief an seiner Stelle. Ob wohl sein Vater den Brief ausgetauscht hat? Oder seine Mutter? Also, bestimmt nicht seine Schwester, die war 15 und interessierte sich für ganz andere Dinge.

Aber so dumm fand Jona den Vorschlag nicht, denn wie sonst soll man einen Brief an Gott schicken? Zögernd nahm er den Brief und betrachtete ihn. Es war ein ganz gewöhnlicher Briefumschlag aus weißem Papier, so wie man ihn überall kaufen konnte. Allerdings ohne Absender. Es war auch keine Briefmarke darauf. Doch das fand Jona normal, denn er hatte ja auch keine draufgeklebt.

Vorsichtig ritzte er den Umschlag mit seinem Zeigefinger auf, holte den Brief heraus und faltete ihn auf. Zuerst suchte er nach dem Absender. Er fand nur die Unterschrift. Als er sie las, raste sein Herz. Er setzte sich auf sein Bett und las noch einmal laut:

In Liebe

Gott.

 

Tatsächlich ein Brief von Gott. Aber wie kann das sein? Sein Vater hatte ihn doch fast ausgelacht deswegen. Oder hatte er sich einen Scherz erlaubt? Vielleicht war ja der Brief von ihm. Wahrscheinlich, wenn er jetzt zum Frühstück ginge und davon erzählte, würde ihn sein Vater schallend auslachen.

Jona beschloß, nichts von seinem Brief zu erzählen. Auch nicht davon, daß er einen Brief an Gott geschrieben hatte. Er kannte seinen Vater. Wenn er nicht auf seinen Scherz reagieren würde, würde der sich irgendwann verraten. Wahrscheinlich würde er ihn fragen, ob er etwas auf dem Fensterbrett gefunden hätte, und dann wüßte Jona, daß der Brief einer der vielen seltsamen Scherze seines Vaters war.

Da hörte er auch schon seine Mutter zum Frühstück rufen. Ohne den Brief zu lesen, schob er ihn zurück in den Umschlag, versteckte ihn hinter ein paar Büchern und ging runter. Papa saß schon am Eßtisch, doch er verhielt sich vollkommen normal. Keine noch so geringe Anspielung auf den Brief.

Er hätte ihn doch lesen sollen, dann hätte er vielleicht am Stil herausfinden können, wer ihn geschrieben hat. Nun aber war keine Zeit mehr. Schnell trank er seinen Kakao, aß sein Müsli und hetzte dann dem drängenden Vater hinterher zum Auto.

In der Schule war Jona sehr unkonzentriert, immer wieder kreisten seine Gedanken um diesen ominösen Brief. Hätte er ihn nur gelesen! Dann würde er jetzt nicht vor Neugierde platzen. Die Schulstunden dauerten eine Ewigkeit.

Endlich, nach 6 langen Stunden war der Unterricht beendet. Wie ein Wiesel schoß er nach Hause. Er grüßte seine Mutter nur hastig, ging sofort in sein Zimmer und schloß ab. Vorsichtig holte er den Brief hervor, faltete ihn auf und begann zu lesen.

 

Lieber Jona,

vielen Dank für Deinen Brief. Ich war ein wenig überrascht. Denn schon lange habe ich keinen Brief mehr von der Erde erhalten. In der letzten Zeit sind die Menschen sehr mit sich selber beschäftigt und fragen lieber irgendwen, bevor sie sich an mich wenden. Anscheinend haben sie vergessen, daß sie mich fragen können. Oder sie haben nicht den Mut dazu.

Nun, du hast den Mut und darüber freue ich mich sehr. Du schreibst mir in deinem Brief, daß du nicht verstehst, warum es überall Streit gibt auf der Welt, warum die Menschen eher hassen als lieben können. Warum es überall Korruption und Verbrechen gibt und die Menschen sich gegenseitig nur ausnutzen?

Es ist wahrscheinlich schwer zu glauben, aber das ist von mir so beabsichtigt. Ich habe die Erde als eine Art Schule eingerichtet. Ich sage deswegen "eine Art Schule", weil es in eurer Sprache kein passendes Wort dafür gibt. In einer Schule lernt man ja bekanntlich Neues. In dieser Schule aber muß man sich seiner Fähigkeiten lediglich wieder besinnen, man muß sie wieder entdecken und Vertrauen dazu fassen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist alles möglich und alles erlaubt. Jeder geht hier einen eigenen Weg. Natürlich führen viele Wege in die Irre oder in eine Sackgasse. Aber das alles müßt ihr selber herausfinden. Ihr habt dazu absolut freie Wahlmöglichkeiten. Was immer ihr tut, ist gut, weil es zu eurem Weg gehört. Deshalb herrscht ein solches, wie du es bezeichnest, Chaos auf der Erde.

Aber glaube mir, es steckt ein Sinn dahinter. Nur, den kann ich dir mit deinen zwölf Jahren noch nicht erklären. Du mußt mir hier einfach vertrauen, wenn ich dir sage, das hat alles seine Richtigkeit. Falls du wieder mal Fragen hast, dann schreib mir einfach. Du weißt ja jetzt, wie das geht. In Liebe

Gott.

 

Jona konnte nicht glauben, daß das alles sein sollte. Er las ihn wieder und wieder. Für wen hielt sich Gott? So ein lächerlicher Brief. Lauter nichtssagende Andeutungen, und der Gipfel war ja wohl, daß er noch zu jung sei, um das alles zu verstehen. Genau wie sein Vater. Wenn der keine Lust hatte, etwas zu erklären, kam er immer mit dem Spruch: dafür bist du noch zu jung.

Er war wirklich wütend. Deswegen war er so schnell von der Schule nach Hause gehetzt? Nachdem er seinem ersten Unmut ein wenig Luft gemacht hatte, setzte er sich wieder an seinen Computer und schrieb einen neuen Brief an Gott.

 

Lieber Gott,

vielen Dank für deinen Brief. Ich muß dir sagen, er hat mich wütend gemacht. Ich bin zwar noch jung, aber nicht dumm. In vielen Fächern bin ich einer der besten in meiner Klasse und ich habe ein sehr schnelles Auffassungsvermögen, sagen meine Lehrer. Also vielleicht könntest du mir ja doch erklären oder es zumindest versuchen, was das mit dieser "Art Schule" zu bedeuten hat. Unter dieser Andeutung kann ich mir nämlich gar nichts vorstellen. Ich hoffe auf baldige Nachricht.

Dein Jona

 

Jona legte den Brief wieder an die gleiche Stelle ans Fensterbrett. Als er später zu Bett ging, kontrollierte er nochmals seinen Brief. Er lag noch immer unverändert dort.

Am nächsten Morgen - Jona wurde wie immer von seiner Mutter geweckt - war der Brief verschwunden, aber es lag keine Antwort da. Warum hatte Gott ihm nicht geantwortet? War sein Brief vielleicht zu frech oder hatte er Gott beleidigt? War Gott vielleicht zu beschäftigt, um zurückzuschreiben? Jona überlegte sich tausend Möglichkeiten. Beim Frühstück und auch den ganzen Tag über war er sehr schweigsam.

Drei Tage wartete er vergeblich auf eine Antwort. Mittlerweile drückte ihn ein richtig schlechtes Gewissen. Sich mit Gott anzulegen, war offensichtlich nicht so clever. Seine Mutter machte sich auch schon Sorgen, normalerweise redete Jona viel, eigentlich ständig. Sein plötzliches Schweigen war ihr unheimlich. Am Morgen des vierten Tages endlich lag der ersehnte Brief da. Sofort riß er ihn auf.

 

Lieber Jona,

vielen Dank für deinen zweiten Brief. Du hast dich wahrscheinlich schon gewundert, daß ich so lange keine Antwort geschickt habe. Ich wollte nur, daß du dich wieder beruhigst. Um es gleich ein für alle mal klarzustellen: du kannst mich niemals beleidigen, ich bin niemals zu beschäftigt und ich beantworte immer jede Frage. Dieses Versprechen habe ich euch Menschen von Anfang an gegeben und daran halte ich mich. Wer direkt fragt, erhält eine klare Antwort, egal welchen Alters er ist. Wenn er reif dafür ist, wird er die Antwort verstehen.

Also, du wolltest wissen, was das für eine "Schule" und für wen sie ist. Es ist eine Schule für die, wie ihr sie nennt, Seelen. Als aufgeweckter Junge weißt du ja sicher, was eine Seele ist. Sinn der Schule ist: Die Seelen sollen ihre gottgegebenen Fähigkeiten wieder entdecken und ihre Fähigkeiten mit praktischen Erfahrungen anreichern.

Eine Seele hat alle Macht des Universums und kann erschaffen, was immer sie will, sofern sie weiß wie. Dazu muß sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden und sie durch Training vervollkommnen. Und dazu muß sie das Leben aktiv in die Hand nehmen, was bedeutet, sich bewußt ein Ziel zu setzen und darauf zuzusteuern.

Die Ziele können unterschiedlichster Art sein und müssen nicht unbedingt mit 'Große Dinge Erschaffen' zu tun haben. Auch die Taktik einer Verteidigung kann ein Ziel sein. Oder sich einfach nur treiben lassen, große Schicksalsschläge erdulden und vieles mehr. Solange du weißt, was du tust und welches Ziel du ansteuerst, bist du aktiv. Dabei ist es völlig egal, ob das Ziel gut oder schlecht für dich ist. Denn ein Gut oder Schlecht gibt es nicht. Was das bedeutet, wirst du später verstehen.

Dazu möchte ich dir nun folgenden Vorschlag machen: Wenn du bereit bist, zeige ich dir, wie das Leben funktioniert. Ich lehre dich eine neue Art zu denken. Ich führe dich ein in die Geheimnisse des Lebens, die eigentlich gar keine sind.

Dazu müssen wir natürlich einige Lektionen machen. Eines kann ich dir jetzt schon versprechen, wenn wir mit unseren Lektionen fertig sind, wirst du die Welt mit anderen Augen sehen. Dann steht dir eine ganz neue Dimension zur Verfügung. Ich hoffe, du weißt, daß das auch eine Menge an Veränderungen und Verantwortung mit sich bringt, die anfangs nicht immer angenehm sind. Einige deiner liebgewordenen Denkweisen und Ansichten über Menschen und Dinge wirst du komplett über Bord werfen. Und denke auch daran, wenn du einmal diesen Pfad eingeschlagen hast, gibt es kein Zurück mehr.

Wenn du dazu bereit bist, dann beginne mit der ersten Lektion:

Gehe hinaus in die Natur und beobachte sie, so genau wie du nur kannst. Du wirst nach einer Weile erkennen, daß alles in der Natur einen Sinn hat. Frage dich bei allem, was du siehst, nach dem Sinn. Wenn du ein paar Beispiele zusammen hast, dann schreibe sie mir bitte auf und ich werde dir die nächste Lektion geben.
In Liebe

Gott

 

Jona holte tief Luft. Das war irgendwie unheimlich. Sein Leben würde sich verändern. Verrückt, wo er doch nur ein paar Antworten, ein paar einfache Erklärungen wollte! Was er auf keinen Fall wollte, waren irgendwelche dummen Aufgaben. Die hatte er schon in der Schule genug.

"Alles in der Natur hat einen Sinn," murmelte er nachdenklich vor sich hin. Logisch hatte er schon von den Nahrungsketten gehört und daß in der Natur alles aufeinander abgestimmt war. Erst in der letzten Woche hatten sie im Biologieunterricht über Monokulturen und deren schlechte Auswirkungen auf die Natur gesprochen. Daß der Naturkreislauf sehr empfindlich war, wußte er bereits.

 

Bevor er groß weiter denken konnte, hörte er seine Mutter rufen. Schnell sprang er in seine Kleider, frühstückte und fuhr mit seinem Vater zur Schule. Zum Glück nervte ihn der heute nicht mit seinen Späßen. Anscheinend hatte er sich wieder mit Mama gestritten, dann war er immer ruhig im Auto.

Nach der Schule ging Jona mit seinen beiden Freunden nach Hause. Der eine hieß Peter und wohnte nur zwei Häuser weiter. Die beiden konnten sich stundenlang mit Computerspielen beschäftigen oder im Internet surfen.

Der andere Freund hieß Ingo. Ingo interessierte sich nicht so sehr für Computer, dafür war er unheimlich gut im Turnen, er war sogar im Verein. Meist er fuhr mit seinen Rollerblades durch die Gegend, was zugleich die Verbindung zwischen den beiden war. Denn, wenn Jona nicht am Computer saß, fuhr er Rollerblades. Auf ihrem Nachhauseweg kamen sie an einem Park vorbei. Jona ließ sich auf eine Bank fallen. Die anderen lümmelten sich neben ihn und unterhielten sich. Auf einmal schlug sich Jona auf die Backe und rief laut "Aua".

Eine Mücke hatte ihn in die Backe gestochen. Als er sich kratzte, erinnerte er sich plötzlich wieder an seine Aufgabe. Er hielt inne und fragte seine Freunde, welchen Sinn wohl Mücken auf dieser Welt hätten. Zunächst herrschte absolute Ratlosigkeit. Peter meinte nur: "Wenn sie einen stechen, sind sie total ätzend. Die nerven nur." Keiner fand so recht eine Antwort auf Jonas Frage. Ingo wußte noch, daß sie Nahrung für die Vögel wären. Aber mehr konnte er auch nicht beisteuern. Sie waren sich schnell einig: Mücken nerven.

Nur, darin lag noch kein Sinn, fand Jona. Gott hatte doch gesagt, daß alles und zwar wirklich alles einen Sinn hatte. Vielleicht sollten Mücken den Menschen nur zeigen, welche Bedeutung ein so kleines Lebewesen wie eine Mücke für den viel größeren und wahrscheinlich auch intelligenteren Menschen haben kann? Der Mensch kann zwar zum Mond fliegen, trotzdem können ihm Mücken den Schlaf rauben.

Er erinnerte sich, daß ihn eine Mücke vor einigen Tagen über zwei Stunden lang wach gehalten hatte. Gerade als er einschlafen wollte, hörte er dieses nervige Surren an seinem Ohr und gleich darauf war es verschwunden. Das hieß, die Mücke saß irgendwo in seinem Gesicht und würde ihn gleich stechen. Zwei Stunden hat es gedauert, bis er sie endlich mit seinem Kopfkissen erschlagen konnte. Am nächsten Morgen war er hundemüde.

Mit seinen Freunden sprach er darüber allerdings nicht. Gerade Ingo registrierte oft gar nicht, wenn ihn eine Mücke stach. Es juckte nur ein wenig und schon am nächsten Tag war der Stich nicht mehr zu sehen. Der hätte solche Gedanken nicht verstanden.

Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß die Mücken ja nicht stechen, um die Menschen zu ärgern, sondern weil sie sich ihre Nahrung holen wollten, das Blut. Im Biologie-Unterricht hatte er gelernt, daß die Mücken die Einstichstelle mit einem Gift betäuben, damit das Opfer nichts davon merkt. Also war eher seine Reaktion auf den Stich das Entscheidende an der Sache und nicht der Stich selbst.

Jona wunderte sich ein wenig über sich selbst. Noch nie hatte er sich über Mücken Gedanken gemacht. Er hatte sie höchstens erschlagen, wo immer er konnte. Und nun führten sie ihn zu philosophischen Gedanken.

Er lief weiter mit seinen Freunden durch den Park. Sie alberten herum, während er so seinen Gedanken nachhing. Da stieg er in einen Hundehaufen. Das war nun wirklich ärgerlich, vor allem weil er Stoffturnschuhe anhatte. Die mußte jetzt seine Mutter wieder waschen. Er konnte schon ihre Vorwürfe hören: Kannst du denn nicht aufpassen, wo du hintrittst? Wozu hast du denn Augen im Kopf? Immer machst du mir unnötige Arbeit. Dich kann man ja wirklich nicht alleine auf die Straße lassen. Jona verstand nie, warum sie so heftig darauf reagierte.

Ingos Mutter zum Beispiel nahm die Schuhe, warf sie in die Waschmaschine und am nächsten Tag waren sie wieder sauber. Keinerlei Diskussion. Jona beneidete Ingo oft um seine Eltern. Die stritten auch nie oder vielleicht nur selten. Zumindest hatte er sie noch nie streiten sehen. Einmal fragte er Ingo, ob seine Eltern denn nie Knatsch miteinander hätten? Der konnte die Frage gar nicht verstehen. Er sagte nur, das sind doch Eltern, die streiten nicht. Die sind zu alt, um sich um einen Fußball oder um Süßigkeiten zu streiten.

Jona überlegte kurz, worüber seine Eltern immer stritten. Es waren meist nur Kleinigkeiten. Einmal ging es um eine Serviette. Ob man sie nun links oder rechts vom Teller eindeckt. Zwei Tage lang haben sie danach nicht mehr miteinander geredet.

Er versuchte den Hundekot in der Wiese von seinem Schuh abzustreifen. Dabei passierte genau das, wovor er Angst hatte, der Stoff wurde schmutzig. Jetzt mußte Mama den Schuh auf jeden Fall waschen. Die Lust am Herumtollen war ihm nun endgültig vergangen. Schnell verabschiedete er sich von seinen Freunden und ging alleine nach Hause.

Auf dem Nachhauseweg überlegte er sich zig Entschuldigungen für seine Mutter. Zum Beispiel, der Kot habe unter einem Blatt im Park gelegen. Oder er sei um eine Ecke gerannt und habe den Kot nicht sehen können, oder jemand hätte ihn reingeschubst. Doch in jedem Fall hätte er lügen müssen und das war ihm unangenehm. Wieder schoß ihm die Frage nach dem Sinn durch den Kopf.

Da kackt ein Hund auf die Wiese, er tritt hinein und das soll einen Sinn haben? Also bitte, das ist ja irgendwie lächerlich. In Hundekot zu steigen, kann keinen Sinn haben. Beim besten Willen nicht. Mit diesen Gedanken im Kopf kam er zu Hause an. Sorgsam zog er sich die Schuhe aus, nahm sie in die Hand und öffnete die Haustüre. Genau in diesem Moment stand seine Mutter mit Putzeimer und Wischmop hinter der Türe. Beide waren völlig überrascht. Seine Mutter sammelte sich als erste wieder, gab ihm einen Kuß und fragte ihn, wie es in der Schule war. Jona antwortete völlig gedankenlos:

"Gut, Mama, aber ich bin in Hundekot getreten." Mit diesen Worten hielt er ihr die Schuhe hin.

Seine Mutter, von dieser direkten Aussage überrascht, nahm die Schuhe und sagte: "Das kann passieren."

Jona stand da und konnte es nicht glauben. Da machte er sich während des ganzen Nachhausewegs Gedanken, wie er Mama sein Malheur beichten konnte, und dann nur: "Das kann passieren." Er war felsenfest davon überzeugt gewesen, seine Mutter würde ihm eine Standpauke halten.

Er bedankte sich kurz bei seiner Mutter, ging in sein Zimmer und versuchte seine Erlebnisse in einem Brief zusammenzufassen. Es dauerte lange, bis er seine Gedanken ordnen und einen verständlichen Brief daraus formulieren konnte. Dann legte er ihn wieder aufs Fensterbrett und ging zum Abendessen.

Am nächsten Morgen lag wie erwartet der Antwortbrief da. Leider hatte er keine Zeit mehr, ihn zu lesen, und so fieberte er gespannt dem Ende des Schultages entgegen. Peter versuchte ihn noch zum Computerspielen zu überreden, aber Jona mogelte sich mit der Ausrede raus, daß er seiner Mutter helfen müßte. Zuhause ging er sofort wieder in sein Zimmer und las:

 

Lieber Jona,

vielen Dank für deinen Brief. Kompliment, das mit den Mücken hast du hervorragend hingekriegt. Es ist richtig, daß sie neben all ihren anderen Funktionen in der Natur eine Botschaft für euch Menschen bereit halten. Obwohl ihr jede Menge Wissen und Fähigkeiten besitzt, können euch kleinste Dinge komplett aus der Fassung bringen. Ihr habt ausgeklügeltste Raketenabwehrsysteme, doch ein Schwarm Mücken in der Dämmerung kann euch zu akrobatischen Höchstleistungen treiben.

Am Besten gefiel mir der Gedanke mit der Reaktion auf den Stich. Wie du richtig schreibst, nimmt dein Freund Ingo einen Stich gar nicht so recht zur Kenntnis. Im wahrsten Sinne des Wortes juckt ihn der Stich nicht. Je mehr du dich dagegen über einen Stich aufregst, um so länger rennst du mit einer dicken Beule herum und kratzt und kratzt und kratzt.

Du hast richtig festgestellt, eine Mücke braucht genau wie ihr Menschen zum Leben Nahrung. Im Falle der Mücke also Blut. Eine Mücke ist genau wie du ein Teil des Ganzen und hat deshalb auch das Recht, zu leben. Der Mensch tötet ein ganzes Tier, um zu überleben. Eine Mücke dagegen will nur einen winzigen Tropfen Blut. Trotzdem habt ihr Menschen damit ein großes Problem.

Es ist eines der Grundmuster des Menschen, daß er nichts abgeben will. Aber genau das muß er wieder lernen. Er muß verstehen, daß er nur ein Teil des Ganzen ist. Ein wichtiger zwar, aber doch nur ein Teil. Ein Teil in einem großen Fluß. Ein Fluß fließt. Und ein Teil teilt. Wenn das Teil jedoch nicht teilen will, wenn es den Fluß blockiert, passieren zwei Dinge. Ein Druck staut sich auf. Dieser Druck kann nur durch einen Gegendruck gehalten werden. Das kostet unendlich viel Energie und entlädt sich manchmal in einer gewaltigen Explosion.

Zum zweiten grenzt sich das Teil ab. Es grenzt sich aus. Das kostet ebenfalls Energie, denn das Teil entzieht sich der fließenden Energie des Flusses. Es macht sich das Leben doppelt schwer. Denke nur an die Außenseiter in deiner Schule.

Es soll nun nicht heißen, daß du zu einem Jasager und Anpasser wirst. Nicht immer ist die allgemeine Meinung die richtige. Erinnere dich, vor einigen hundert Jahren hielt man die Erde für flach und den Mittelpunkt des Universums. Wer anderes glaubte und gar verbreitete, wurde hingerichtet. Doch die Wahrheit setzt sich früher oder später immer durch. Wichtig ist, daß du bei dir bleibst, daß du erkennst, welchen Platz du in dem Kreislauf der Welt einnimmst und nicht versuchst einen Platz einzunehmen, den es gar nicht gibt. Was passiert, wenn du dich auf einen Stuhl setzen möchtest, der gar nicht da ist?

Du fällst hin und tust dir weh.

 

Schwieriger war natürlich zu erkennen, welchen Sinn der Hundekot hatte. Hier mußt du einfach mal schauen, was es in dir ausgelöst hat. Du hast dir jede Menge Entschuldigungen einfallen lassen, und zwar für etwas, was einfach mal passieren kann. Natürlich passiert nie etwas ohne Grund. Und dir ist das passiert, genau damit du dir diese Gedanken machen mußtest. Die Reaktion deiner Mutter dann hat dir gezeigt, wie unnötig deine Gedanken waren.

Gut, ich gebe zu, hier habe ich nachgeholfen. Ich habe für die überraschende Begegnung an der Haustüre gesorgt, die dazu führte, daß ihr beide ganz anders als üblich reagiert habt. Einfach weil Ihr überrascht wart. Es raschte über euch hinweg und hat euch keine Zeit zum Nachdenken gelassen. Und siehe da, ihr habt euer übliches Reaktionsschema verlassen.

Doch was ist nun der Sinn darin? Du hast die Reaktion deiner Mutter auf dein Mißgeschick bereits als Realität angenommen und hast daraufhin versucht, diese Zukunft planen zu wollen. Du hast viel Zeit investiert, um dir auszumalen, was alles passieren könnte und wie du darauf reagieren müßtest. Du hast dir dein Vergnügen, mit deinen Freunden zu spielen, genommen, nur um dir zu überlegen, wie du die Zukunft beeinflussen kannst, die dann aber völlig anders kam.

Du hast das gemacht, weil du Angst hattest vor einer Bestrafung. Und du hast dich gleich selber bestraft, weil du dir den Spaß mit deinen Freunden versagt hast. Erinnere dich an meinen letzten Brief. Ich schrieb, daß es kein "Gut" und kein "Schlecht" gibt. Alles ist gut, weil es dir eine neue Erfahrung bringt. Wenn du darauf vertraust, brauchst du nie mehr sorgenvoll die Zukunft planen. Du weißt dann, es kommt immer das Richtige zur richtigen Zeit. Anstatt Angst davor zu haben, freust du dich darauf. Die Angst vor der Zukunft raubt euch Menschen Energie und Lebenslust.

Vor allem macht es keinen Sinn, die Zukunft planen zu wollen, weil die Zukunft eine Zeit ist, die gar nicht existiert. Freue dich auf das, was kommt, und nimm es, wie es kommt, wenn es kommt. Aber erst dann und nicht vorher. Merke dir das bitte, denn in einer späteren Lektion über die Zeit brauchen wir das noch.

Üben kannst du dieses Vertrauen in den Moment, indem du dir unterschiedlichste Varianten der Zukunft und deine jeweilige Reaktion darauf vorstellst. Damit versuchst du nicht, eine mögliche Zukunft beeinflussen zu wollen, sondern du stellst dich nur flexibel auf verschiedene Situationen ein. Was hättest du zum Beispiel gemacht, wenn deine Mutter gar nicht da gewesen wäre?

Du hast mir in deinem zweiten Brief geschrieben, daß du schon ein sehr aufgeweckter Junge von 12 Jahren bist. Meinst du nicht, daß man mit 12 Jahren eine Bürste und eine Seife zur Hand nehmen und einen Turnschuh selber saubermachen kann? Dazu braucht man nicht unbedingt eine Mutter.

Wenn du die Zukunft planen möchtest, mußt du sehr viel früher anfangen. Nämlich bei der Ursache. Jede Schöpfung beginnt mit einer Ursache. Hast du einmal eine Ursache gesetzt, ist es zu spät zum Planen. Aber das besprechen wir zu einem späteren Zeitpunkt sehr ausführlich.

Nun wie versprochen zu einer weiteren Aufgabe. Natürlich gilt die Aufgabe, daß du dich nach dem Sinn der einzelnen Dinge fragst, nach wie vor.

Als neue Aufgabe erhältst du folgendes:

Schreibe mir einen Tag lang alles auf, was dir über die Maßen gut gefällt und was dich über die Maßen nervt. Also alles, was du gut und was du schlecht findest.

Laß dir ein bißchen Zeit dazu und nimm dir einen gewöhnlichen Tag, an dem du auch Schule hast.

In Liebe

Gott

 

Das war ein ganz schön langer Brief. Und es war gar nicht so einfach für Jona zu verstehen, was Gott ihm sagen wollte. Er las den Brief mehrfach durch. Je mehr er ihn las, um so mehr mußte er Gott Recht geben.

Obwohl es ihm schon ein wenig seltsam vorkam, daß er den Mücken von seinem Blut abgeben sollte, nur um im Energiefluß zu bleiben. Andrerseits wußte er aus der Biologie, daß er bereits in seinem Alter ca. vier bis fünf Liter Blut in seinem Körper hatte. Was machte da schon ein winziger Tropfen?

Und das mit dem, 'der Mensch ist ein Teil des Ganzen', das hat er schon mal im Religions-Unterricht und in Bio gehört. Der Religionslehrer, der redete immer so salbungsvoll, damit konnte er nicht viel anfangen. Aber den Biologielehrer, den fand er echt gut, dem konnte er glauben. Leider konnte der Lehrer damals nicht genau erklären, was er damit meinte.

Zu den Mücken fiel ihm noch ein, daß Ingo so gut wie nie von ihnen gestochen wurde. Irgendwie hatte er keine Angst vor ihnen. Die gingen immer nur auf ihn, Jona, los. Deshalb schmierte er sich im Sommer oft mit einem scheußlich riechenden Öl ein. Doch auch dann hatte er ständig Angst, daß ihn eine Mücke stechen könnte. Ganz schön viel Aufmerksamkeit, die er solch winzigen Tierchen zukommen ließ.

Der zweite Teil des Briefes war noch etwas verwirrender. Was das wohl hieß, 'die Zukunft ist eine Zeit, die nicht existiert'? Jona dachte daran, was Peter und Ingo gestern noch alles angestellt hatten. Sie hatten sich, wie so oft, am Lotteriestand im Park jeweils ein Los gekauft. Ingo hat dann 10 Euro gewonnen, und sie sofort in der Eisdiele am Park in den Riesenüberraschungsbecher investiert. Der schmeckte vielleicht! Sie fanden es schade, daß Jona nicht mit dabei war.

Der fand das jetzt nach der Lektüre des Briefes auch. Mehr noch, er ärgerte sich. Sie hatten nämlich vor zwei Wochen ausgemacht, wenn einer an dem Losstand gewinnt, dann kaufen sie sich sofort diesen Eisbecher. Eigentlich, dachte er sich, hätten die beiden doch bis zum nächsten Tag mit dem Eisbecher warten können, dann hätte er auch mitessen können. Andrerseits ist er ja freiwillig nach Hause gegangen. Er wußte nicht, auf wen er mehr wütend sein sollte, auf sich oder auf die beiden.

Er beschloß, das mit der Wut sein zu lassen, denn er hatte ja nun gelernt, daß er dafür selber verantwortlich war. Und was soll's, der Eisbecher war gegessen. Außer einem schlechten Gefühl im Bauch würde es ihm nichts bringen.

 

Jona setzte sich dann an den Schreibtisch und machte seine Hausaufgaben. Immer wieder schweifte er mit seinen Gedanken zu dem Brief ab, vor allem zu der neuen Aufgabe. Was Gott wohl mit dieser Aufstellung wollte? Alle besonders guten und schlechten Dinge, die an einem Tag passierten. Das war gar nicht so einfach. Wo sollte er zum Beispiel die Sache mit dem Hundekot hinschreiben? Daß er in den Hundekot gestiegen war, war schlecht. Seine Mutter jedoch hatte gut reagiert.

Er überlegte sich, ob er nicht einfach drei Spalten machen sollte. Eine für die guten Sachen, eine für die schlechten und eine für die Fälle, die schlecht anfingen, sich aber dann zum Guten wandelten. Er entschied sich aber dann doch für zwei Spalten, sonst hätte er wahrscheinlich alles in die mittlere Spalte geschrieben. Und das war sicher nicht Sinn der Übung.

Gerade als er mitten in der Anfertigung seines Gut-Schlecht Blattes war, hörte er seinen Vater heftig brüllen. Gleich darauf schrie Mama zurück. Oh oh, war mal wieder schlechte Stimmung angesagt. Das hieß entweder gar kein Abendessen oder eines, bei dem eisern geschwiegen wurde. Jona versuchte zu verstehen, worüber sie stritten. Aber er konnte nichts Genaues hören. Wahrscheinlich war sein Vater nur wieder schlecht gelaunt aus der Arbeit gekommen und über den Staubsauger gestolpert.

Mama liebte ihren Staubsauger, zumindest saugte sie täglich hingebungsvoll die Böden. Jona haßte den Lärm. Meistens flüchtete er, wenn Mama saugte. Für Papa ließ sie dann den Staubsauger taktisch klug im Eingangsbereich des Hauses stehen, damit der sah, wie fleißig sie war. Zumindest hatte Jona das Gefühl, daß sie es deswegen tat. Denn normalerweise sagte sein Vater nie etwas über Mamas Haushalt. Stolperte er jedoch beim Nachhausekommen über den Staubsauger und war er gut gelaunt, kam meistens ein Spruch, wie zum Beispiel: 'Ach, hat mein Frauchen mal wieder sauber gemacht.' War er schlecht gelaunt, gab es Ärger.

Mama konnte auch sehr gut kochen. Ingos und Peters Mutter kochten dagegen schrecklich, da mußte er schon mal ein Essen höflichkeitshalber runterwürgen. Nein, Mama konnte wirklich gut kochen. Aber Papa fand immer was zum Aussetzen. Meistens sagte er es dann scherzhaft. 'In wen bist du denn heute wieder verliebt, der Braten ist so versalzen'. Mama antwortete dann je nach Laune: 'wir haben einen neuen Postboten oder der Elektriker war wieder da.' Doch Jona spürte, daß sie sich über diesen dummen Scherz ärgerte.

Heute war Papa also mal wieder schlecht gelaunt. Auch gut, dann blieb er halt im Zimmer und arbeitete an seinem Blatt. Was er wohl alles eintragen sollte auf seinem Blatt? Ob so Sachen wie ein Liebesbrief von Lisa auch da reingehörten? Es war gerade große Mode in der Klasse, sich heimlich Liebesbriefe zu schicken. Er fand das ja grundsätzlich albern, aber irgendwo fühlte er sich doch geschmeichelt. Nur wo eintragen? Gut oder schlecht?

Wenn es die anderen Jungs nicht lasen, dann wohl eher bei gut. Was aber, wenn einer der Jungs das sah? Dann wäre er in der Klasse unten durch.

Lisa hatte schon ein wenig Busen, allerdings trug sie eine ziemlich häßliche Zahnspange. Solange sie nicht lächelte, sah sie wirklich gut aus. Langes blondes Haar, meistens zu Zöpfen geflochten. Die Beine waren vielleicht noch ein bißchen dürr. Aber alles in allem okay.

Da hörte er seine Mutter nach ihm rufen. Also ein schweigendes Abendessen! Am Tisch war seine Schwester Cora die einzige, die sprach. Sie redete auf Papa ein. Sie wollte in den Ferien mit ihren Freundinnen in irgendein Schullager und das kostete natürlich Geld. Es war zwar ein ungünstiger Tag für so ein Gespräch, doch Cora konnte Papa sehr gut um den Finger wickeln. Jona wußte, wenn Papa sie Mäuschen nannte, war die Sache gebongt. Er aß schweigend sein Essen und schaute gelegentlich zu Mama rüber. Die starrte nur stur in ihren Teller und sprach kein Wort.

Am nächsten Morgen packte Jona sein Gut-Schlecht-Blatt ein. In der Schule überfiel sie der Mathematiklehrer gleich mit einer Kurzarbeit und Jonas erster Gedanke war, das ist etwas für die Schlecht-Seite. Hatte er doch gestern, weil er so mit dem Brief beschäftigt war, keine Mathe geübt. Als der Lehrer die Blätter austeilte, stöhnte er innerlich. Da fielen ihm Gottes Worte ein: Es macht keinen Sinn, Dinge vorausplanen zu wollen. Dinge mußt du so nehmen, wie sie kommen, wenn sie kommen.

Umgesetzt auf diese Mathematikarbeit nun sollte das heißen: bevor er die Aufgabenstellung nicht kannte, sollte er sich keine Gedanken machen. Vielleicht konnte er ja die Aufgabe locker lösen. Gestern im Unterricht hatte er es ja auch super hinbekommen.

Jona spürte, wie mit seinen positiven Gedanken seine Zuversicht wuchs. Plötzlich war er sich sicher, daß er die Aufgabe ganz gewiß lösen werde. Nach nur 4 Minuten hatte er die erste Teilaufgabe bereits gelöst und nach weiteren 6 die beiden anderen. Er las noch mal alles durch, ging dann als erster nach vorne und überreichte stolz dem Lehrer seine Arbeit. Der guckte ihn ganz überrascht an und fragte: "Kannst du es nicht lösen, Jona?"

"Ich bin schon fertig," strahlte der ihn an. Verwundert nahm der Lehrer das Blatt entgegen, überflog es kurz und stellte mit Bewunderung fest, daß alle Ergebnisse korrekt waren. Ungewöhnlich, denn Jona zählte nicht zu den Mathe-Genies der Klasse. Plötzlich stutzte der Lehrer: "Hier fehlt etwas!"

"Was denn?" fragte Jona entsetzt.

"Vielleicht solltest du noch deinen Namen draufschreiben, damit wir auch wissen, wer eine solch tolle Arbeit abgeliefert hat."

In seinem Eifer hatte er total vergessen, Name und Datum in die erste Zeile einzutragen. Schnell holte er es nach und gab das Blatt dem Lehrer zurück, dann setzte er sich wieder an seinen Platz. Er fühlte sich gut, so richtig gut. Diese Arbeit wird er auf die Gut-Seite schreiben. Oder sollte er das gute Gefühl aufschreiben, das er durch die Worte Gottes hatte? Es waren ja eigentlich die positiven Gedanken, die ihm die ganze Energie gaben.

In der Pause kam sein Freund Peter zu ihm und machte ihm Vorwürfe, er sei ein schlechter Freund. Er hätte ihn zumindest abschreiben lassen können, wenn er schon alles richtig hatte. Überhaupt sei er ein Streber. Wahrscheinlich hat das gestern gar nicht gestimmt, daß er seiner Mutter helfen mußte, er wollte nur für die Mathearbeit üben.

Jona dachte anfangs, Peter würde scherzen. Als er aber merkte, daß er es ernst meinte, wurde er traurig. Von seinem Freund hätte er das nicht erwartet. Anstatt daß er sich über seine tolle Leistung freute, machte er ihm nur Vorwürfe. Vor allem Peter, der normalerweise immer viel besser in Mathe war.

Na ja, so hatte er zumindest auch was für die Schlecht-Seite. Peter war... was war er eigentlich? Es kam ihm fast vor wie Neid. Ja richtig, Peter war neidisch auf ihn wegen einer dummen Mathearbeit. So hatte er ihn noch nie erlebt.

Ingo dagegen meinte nur: "Coole Aktion heute." Er klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Das machte Ingos Vater bei ihm immer. Normalerweise fand Jona das blöde, es sah so komisch aus. Doch heute erfüllte es ihn mit Stolz. Wenigstens Ingo war stolz auf ihn. Gut-Seite.

Natürlich kam auch Lisa. Mit einem leicht übertriebenen Tonfall sagte sie: "Ach, das hast du heute ganz toll gemacht, ich war ja so stolz auf dich." Noch bevor er irgendetwas erwidern konnte, machten sich Ingo und ein anderer Freund über Lisas Kompliment lustig.

"Ach ja, du warst ja so toll, ach....". äfften sie Lisa nach. Dabei legten sie eine Hand affektiert an die Stirn und ließen ihren Kopf wie in einem schlechten Fernsehfilm in den Nacken fallen. "Ihr seid vielleicht blöde Idioten", fuhr Lisa sie an und rannte heulend davon. Ingo und sein Freund konnten gar nicht mehr aufhören. Jona dachte sich nur: die Reaktion der beiden Schlecht-Seite, Lisa Gut-Seite.

Er ertappte sich dabei, wie er alles nur noch in Gut- und Schlecht-Seite einteilte. Das aber konnte Gott mit seiner Aufgabe nicht gemeint haben. Er beschloß daraufhin, einfach den Tag vorbeigehen zu lassen und erst am Abend zu entscheiden, was auf welche Seite gehörte. Vor allem sollten es besonders gute und schlechte Sachen sein. Und an die erinnert man sich gewißlich am Abend noch.

Der Tag verlief dann wie gewohnt normal, allerdings ging er heute mit Ingo alleine nach Hause. Peter hatte anscheinend ein schlechtes Gewissen und ging mit einem anderen Freund zurück. Doch Jona ließ sich seine gute Laune nicht verderben.

Zuhause erzählte er Mama ganz stolz von seiner tollen Mathearbeit. Sie wirkte aber irgendwie abwesend. "Toll, wirklich toll", sagte sie nur kurz. Das war alles. Enttäuscht ging Jona in sein Zimmer. Irgendwie wollten die wichtigsten Menschen in seinem Leben seinen Erfolg nicht teilen.

Sein Vater abends reagierte genauso lahm auf die freudige Nachricht. Er machte nur noch einen dummen Witz dazu: "Toll, da wirst du ja vielleicht ein zweiter Einstein, dann kannst du dich ja bald selber finanzieren und ich brauche nicht mehr für dich zu zahlen." Jona verstand nicht, was sein Vater damit andeutete. Auf jeden Fall fand er den Witz ziemlich blöde.

Auch dieses Abendessen verlief schweigend. Lediglich Cora bezirzte Papa. Sie wollte am Wochenende auf eine Party gehen, die ein wenig länger dauern sollte, als sie normalerweise Ausgang hatte. Sie konnte eine ganze Stunde länger herausschlagen, allerdings wollte Papa sie dafür selber abholen.

Nach dem Abendessen ging Jona schnell auf sein Zimmer. Er wollte endlich seine Liste erstellen. Als erstes trug er die Mathe-Arbeit ein und die Reaktionen darauf. Dann trug er die gutaussehende Dame beim Nachhausegehen ein. Ihr war unbemerkt ein Brief aus der Tasche gefallen. Jona sprang ihr schnell nach und gab ihr den Brief zurück. Sie hatte sich wahnsinnig darüber gefreut und ihm sogar fünf Euro geschenkt. Ingo und Jona setzten den Finderlohn sofort in Eis um.

Dann fiel ihm noch eine Szene auf dem Spielplatz beim Rollerbladen ein. Ein Vater schlug sein Kind. Er schlug mehrmals heftig auf das wehrlose Kind ein. Alle standen nur dumm da und schauten weg. Einige schauten sogar hin, aber taten nichts. Erst als das Kind heftig aus der Nase blutete, hörte der Vater auf. Ingo war der einzige, der laut rief: "Hey, das dürfen Sie nicht tun!" Doch der Mann drohte ihm ebenfalls Schläge an, woraufhin Ingo verstummte.

Als dann der Vater mit seinem Kind verschwand, gab es großes Gerede. Jeder wußte besser, was man hätte tun sollen. Jona wunderte sich nur, warum außer Ingo keiner etwas gesagt hatte, leider auch er nicht. Er zählte zwölf Frauen und zwei Männer auf dem Spielplatz. Die hätten doch locker gegen den Mann einschreiten können.

Er nahm sich vor, wenn wieder mal sowas passiert, daß er auf jeden Fall einschreiten wird. Zumindest wollte er die Erwachsenen zusammentrommeln, daß sie dann etwas unternehmen. Seine heutige Feigheit trug er also auf der Schlecht-Seite ein und natürlich, daß der Mann sein Kind so grausam schlug.

Nach einer halben Stunde hatte er 5 Gutsachen und 8 Schlechtsachen zusammen. Damit war er vollauf zufrieden. Er legte das Blatt beiseite, spielte noch ein kurzes Computerspiel, rief ein kurzes "Gute Nacht" nach unten und ging ins Bett.

 

In den nächsten 4 Tagen schrieb er jeden Abend seine Liste. Immer wieder hatte er Sachen, die er am liebsten in die mittlere Spalte, in die Erst-Schlecht-dann-Gut Seite, eingetragen hätte. Es war oft schwer, sich zu entscheiden. Allerdings passierten keine solch aufregenden Sachen mehr wie am ersten Tag.

So schickte er die Liste vom ersten Tag an Gott. Wie üblich lag am nächsten Morgen der Antwortbrief auf dem Fensterbrett. Er war an diesem Morgen sogar früher wach, das heißt er wachte von ganz alleine auf, alles war noch still im Haus. Er öffnete den Brief und begann zu lesen.

 

Lieber Jona,

vielen Dank für Deine ausführliche Liste. Das war ja ganz schön viel, was da alles an dem einen Tag passierte. Oder erschien es nur deshalb so, weil du plötzlich darauf geachtet hast? Ihr Menschen nehmt viele Dinge um euch herum oft gar nicht wahr. Es kommt darauf an, worauf ihr eure Wahrnehmung richtet. Manche Menschen sind mit großen Aufgaben betraut. Da würden solche Dinge nur ablenken und ihre Arbeit stören. Viele Menschen sind aber einfach nur unaufmerksam. Sie achten auf nichts, weil sie gar nicht wissen, daß sie auf etwas achten könnten. Und das ist schade. Denn wie du gesehen hast, es passiert ja eine ganze Menge. Viel Gutes und viel Schlechtes.

Apropos gut und schlecht. Du hast gemerkt, wie schwer es dir fiel, deine Erlebnisse in gut und schlecht einzuteilen. Auf jeden Fall war es gut, daß du dich gegen die mittlere Spalte entschieden hast. Du hast richtig vermutet, ich wollte klare Entscheidungen. Immer wieder hattest du das Problem, daß etwas am Anfang als gut erschien und sich dann als schlecht herausstellte, denke nur an die Reaktion von Peter auf deine Mathearbeit.

Oder du fandest es sehr schlecht, daß niemand einschritt, als der Mann das Kind schlug. Vor allem fandest du es besonders schlecht, daß du zu feige dazu warst. Gut war dagegen, daß Ingo etwas sagte, wenngleich er keinen Erfolg damit hatte, was wiederum schlecht war.

Die Tat an sich, also daß der Mann sein Kind schlug, hast du ebenfalls als schlecht bewertet. Aber nur, weil sich alle drum herum feige verhalten haben. Wie hättest du dich entschieden, wenn die Erwachsenen eingegriffen und den Mann zur Vernunft gebracht hätten? Wenn er sich daraufhin bei seinem Kind entschuldigt und ihm ein Eis gekauft hätte? Du hättest die ganze Geschichte unter Gut geschrieben, obwohl er in beiden Fällen sein Kind anfangs geschlagen hätte.

Du siehst, eine Unterteilung in gut und schlecht ist sehr verwirrend. Du fragst dich nun, warum ist das so schwer? Erinnere dich bitte an meine Worte: alles hat einen Sinn! Und, es gibt kein Gut und kein Schlecht.

Ich hoffe, du stimmst mir zu, wenn ich behaupte: alles, was einen Sinn hat, ist gut. Also im Grunde hättest du alles unter Gut eintragen müssen. Denn aus allem kannst du etwas lernen. Erinnere dich an die Dame, die dir fünf Euro Finderlohn gegeben hat. Das war relativ viel Geld für einen Brief. Wer weiß, was das für ein Brief war. Vielleicht war es nur Reklame? Du aber warst fröhlich gelaunt und du warst ehrlich. Das hast du ausgestrahlt. Du hast diese Dame mit deiner guten Laune und Ehrlichkeit überzeugt. Deshalb griff sie spontan zu ihrer Geldbörse und gab dir einen hohen Finderlohn.

Sie hätte aber auch vermuten können, daß du ihr den Brief aus der Tasche gestohlen hast, nur um Finderlohn zu kassieren. Sie hatte ja nicht gemerkt, daß er ihr runtergefallen war. Es hätte eine böse Szene gegeben und du hättest sie unter Schlecht eingetragen, obwohl du etwas Gutes tun wolltest.

Doch völlig egal, wie sie sich verhalten hätte, in jedem Fall hättest du eine Reaktion auf deine Aktion erhalten. Und etwas zu bekommen ist doch gut, oder? In jedem Fall hättest du etwas aus der Szene gelernt, etwas erfahren. Das ist das Wichtige. Ich schrieb ja in meinem zweiten Brief, daß die Seelen auf der Erde sind, um Erfahrungen zu sammeln.

Bei deiner Mathearbeit zum Beispiel hast du eine unangenehme Erfahrung gemacht. Du hast den Neid von Peter hervorgerufen und hast es deshalb in die Spalte Schlecht geschrieben. Doch wenn du genau hinsiehst, merkst du, daß auch das gut war, denn du hast ein paar Dinge gelernt. Zum Beispiel, daß Peter mit dem Erfolg anderer nicht gut umgehen kann. Er ist nur solange dein Freund, wie er besser ist als du. Ingo dagegen hat sich für dich gefreut. Du hast also durch die verschiedenen Reaktionen deine beiden Freunde besser kennengelernt. Du weißt nun, auf wen du dich verlassen kannst und bei wem du vorsichtig sein mußt.

Du hast zudem gelernt, daß Erfolg nicht nur positive Seiten hat. Daß du dich vor Neid schützen mußt und daß du Erfolg nicht jedem so offen zeigen darfst. Du mußt ein Gespür dafür entwickeln, wen du an deinem Erfolg teilhaben lassen kannst und wen nicht. Wenn du nämlich zu viele Neider um dich herum hast, wirst du deinen Erfolg nicht genießen können. Du bekommst ein schlechtes Gewissen, schämst dich sogar dafür, und am Ende stellt sich Mißerfolg ein. Durch den Einfluß der Neider hast du deinen Erfolg kaputt gemacht.

Du siehst also, wie schwierig es ist, über Dinge oder Ereignisse ein Urteil zu fällen. Wie oft ist es schon passiert: eine Sache sah am Anfang furchtbar aus. Nichts klappte, nichts funktionierte so, wie es geplant war. Alles ging nur schief. Und plötzlich wandelte sich das Ganze ins Positive. Aus diesen Fehlschlägen heraus entwickelte sich etwas Neues, etwas noch viel Besseres als geplant. Etwas, worauf man nie gekommen wäre, wenn das Vorgesehene funktioniert hätte. Viele bahnbrechende Erfindungen wurden so gemacht. Sie waren ein Abfallprodukt einer ganz anderen Ausgangsidee.

Was will ich nun mit all dem sagen? Du sollst verstehen, daß diese Ein-"Teilungen" in Gut und Schlecht, diese Ur-"Teile" dir nur im Wege stehen. Du kannst aus allem lernen. In allem steckt eine Erfahrung, eine Botschaft. Dazu mußt du die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Das ist ein Teil der Erfahrungen, die deine Seele machen muß. Dazu ist sie hier auf der Erde in dieser "Art Schule".

Nun weißt du vielleicht, aus dem Schlechten, oder besser, Negativen lernt man oft mehr als aus dem Guten. Um zu wissen, ob etwas richtig ist, muß man wissen, wann es falsch ist. Um mich frei entscheiden zu können, muß ich die verschiedenen Möglichkeiten kennen. Ich muß erst mal wissen, was gut und was schlecht für mich ist. Dann verschwinden auch die Begriffe Gut und Schlecht und du wirst sie mit "dir dienlich" oder "dir nicht dienlich", und zwar immer in Bezug auf die Entwicklung deiner Seele, ersetzen.

Das bringt uns auch schon zu deiner nächsten Aufgabe:

Schreibe mir alles auf, wovon du denkst, daß du aus deinen Erlebnissen in den nächsten Tagen etwas lernen kannst und vor allem lernen sollst.

In Liebe

Gott

 

Gott schrieb manchmal schon ein wenig kompliziert. Diese vielen Wenn und Abers und die vielen Konjunktive ließen Jonas Kopf ganz schön rauchen. Trotzdem hatte er das Gefühl, alles verstanden zu haben. Er mußte des öfteren lachen, als er den Brief las, denn Gott hatte wirklich immer Recht mit seinen Vermutungen. Vor allem damit, daß ihm die Entscheidung oft sehr schwer fiel, was er unter Gut oder Schlecht schreiben sollte. Immer war etwas Gutes und etwas Schlechtes dabei. Ob Gott ihm wohl zusah, als er seine Liste anfertigte?

Er verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Denn Gott hatte sicherlich anderes zu tun, als ihm beim Listenanfertigen zuzusehen. Überhaupt, was tat Gott eigentlich den ganzen Tag? Darüber hatte er sich noch nie Gedanken gemacht. Hatte er vielleicht Computerspiele oder ging er einer geregelten Arbeit nach? Wohl eher nicht, das machen Menschen, aber kein Gott. Was aber macht Gott dann?

Er merkte, daß er darauf mit seinem kleinen Verstand keine Antwort finden konnte. Ob wohl sein Vater das wußte, oder seine Mutter? Wahrscheinlich auch nicht. Die sind mit ihren Streitereien viel zu beschäftigt. Ob Gott wohl streitet? Aber mit wem? Vielleicht mit dem Erzengel Gabriel? Nein, Streiten paßte irgendwie nicht zu Gott. Also was machte er nur?

In diesem Moment fiel Jona auf, daß ihn seine Mutter noch gar nicht geweckt hatte. Er schaute auf seine Armbanduhr, ein Firmungsgeschenk seines verstorbenen Opas, und erschrak. Es war bereits nach seiner üblichen Aufstehzeit. Mama hatte verschlafen. Schnell sprang er aus dem Bett und lief nach unten ins Schlafzimmer seiner Eltern.

Hektisch weckte er seine Mutter. "Mama, Mama, aufstehen, wir haben verschlafen."

Seine Mutter hob schlaftrunken ihren Kopf, sah Jona an und stammelte: "Schatz, es ist Samstag, heute ist keine Schule." Sie drehte sich um und schlief weiter.

Jona saß sprachlos am Bettrand. Das war ihm noch nie passiert. Aber er hatte auch noch nie einen Briefwechsel mit Gott. Das kann einen schon durcheinander bringen. Beim Rausgehen bemerkte er, daß sein Vater gar nicht im Bett neben Mama lag. Kissen und Bettdecke waren auch weg.

Sein Vater war doch gestern Abend da? Also müßte er ja auch hier geschlafen haben? Er hatte nichts von einer Geschäftsreise erwähnt? Ein wenig verwundert tappte Jona ins Wohnzimmer, und siehe da, sein Vater lag leise vor sich hinschnarchend auf der Couch. Vielleicht hatte er einfach zu laut geschnarcht und mußte deswegen auf die Couch umziehen. Seine Eltern hatten schon des öfteren Streit deswegen.

Um seinen Vater nicht aufzuwecken, schlich er sich auf Zehenspitzen zurück in sein Zimmer. Er wollte nicht mehr schlafen, und so lud er sich ein Computerspiel auf den Bildschirm. Es war eines der Spiele, bei dem man den Spielverlauf, wenn man gut war, selber verändern konnte. Man konnte sogar, aber das hatte er noch nie geschafft, den Spielverlauf komplett umdrehen. Da wurden dann die Bösen zu Guten und alle kämpften für die gleiche Sache. Viermal so viel wie normal konnte man dann punkten. Peter hat es angeblich einmal geschafft. Aber nach der komischen Reaktion von neulich konnte ihm Jona nicht mehr so recht glauben. Wahrscheinlich wollte er bloß angeben.

Zwei Stunden spielte er ziemlich erfolglos, seine Gedanken schweiften immer wieder zu dem Brief und zu der morgendlichen Szene im Schlafzimmer seiner Eltern ab. Endlich dann rief ihn seine Mutter zum Frühstück.

Ein Kapitel weiter... Jona hat mittlerweile direkt mit Gott Kontakt aufgenommen:
 

Kapitel 3

 

Auf dem Weg zum Spielplatz erzählte Jona dann doch von der Trennung seiner Eltern. Ingo hörte ihm geduldig zu. Er fragte immer wieder nach, vor allem auch, wie Jona sich dabei fühlte. Ingo war wirklich ein guter Freund. Er versuchte ihn ein wenig aufzumuntern. Er meinte, seine Mutter pflege in solchen Fällen immer zu sagen: 'Alles wird gut'. Aber, da waren sie sich einig, in diesem Falle klang das albern.

"Sag mal, worüber streiten denn deine Eltern immer?" fragte Ingo nach einer Weile.

"Eigentlich immer um ...." Jona konnte es gar nicht genau sagen, es war oft so unwichtig, ".... um Kleinigkeiten. Mal, weil Papa das Essen nicht schmeckt, mal, weil irgendwas falsch aufgeräumt ist und Papa es nicht finden kann. Einmal gab es einen Riesenknatsch, weil Papa sein Lieblingshemd nicht finden konnte. Dabei hatte er es selbst zwei Tage zuvor in die Wäsche gesteckt. Dann hat er Mama angeschrien, daß sie öfters waschen soll."

"Mein Papa wäscht oft selber, manchmal färbt er dabei die gesamte Wäsche rot oder blau ein. Aber Mama findet das okay. Mir hat er vor kurzem mein Lieblings-Shirt blau gefärbt. Dann hat er mir einfach ein neues gekauft. Das war echt cool."

Jona seufzte. "Wenn das bei uns passieren würde, dann würden meine Eltern eine ganze Woche lang nicht mehr miteinander reden."

"Eine Woche, wegen so einer Lappalie?" Ingo staunte. "Da steckt sicher was anderes dahinter. Ich weiß zum Beispiel, mein Onkel und meine Tante hatten auch mal einen heftigen Streit. Die haben sich auch wegen jedem Scheiß angebrüllt. Dann hat sie mein Vater zu einem Gespräch eingeladen, und es hat sich herausgestellt, daß sie beide aufeinander sauer waren, weil beide Kinder wollten. Aber jeder glaubte vom anderen, daß der keine Kinder wollte. Mein Gott, haben die gelacht und geheult, als das klar war. Erwachsene sind schon komisch."

"Und? Haben sie jetzt Kinder?" fragte Jona neugierig.

"Logisch, das sind die Zwillinge, die manchmal bei uns zu Besuch sind."

Die beiden mußten lachen. Ingo hatte schon Recht, Erwachsene sind komisch. Ob sie wohl auch so werden, wenn sie erwachsen sind?

Auf dem Spielplatz kurvten schon viele Kinder mit einem Heidenlärm herum. Die beiden machten sich fertig, zogen ihre Gelenkschützer an und stürzten sich ins Getümmel. Sie drehten erst ein paar Runden zum Warmwerden, dann gingen sie zur neuen Halfpipe.

Die war ganz schön hoch, fast zwei Meter. Sie reihten sich in die Schlange davor ein und warteten. Je näher die Reihe an Jona kam, um so heftiger schlug sein Herz. So eine große Halfpipe war er noch nie gefahren, und es waren ein paar ältere Jungs so zwischen 14 und 15 Jahren da, die schon richtig gut drin fuhren.

"Los, jetzt geh endlich rein!" schnauzte ihn ein älterer Junge von hinten an. Er hatte gar nicht bemerkt, daß gerade zwei Jungs aufgehört hatten und er jetzt an der Reihe war. Ingo war schon drin und holte Schwung, um nach oben auf die Brüstung zu kommen. Jona holte ebenfalls Schwung. Aber irgendwie fühlte er sich nicht wohl. Er wollte gerade aussteigen, da raunzte ihn ein Junge von der Brüstung oben an. "Jetzt mach endlich zu, du Lahmarsch. Mach rauf hier, ich will fahren." Jona nahm all seinen Mut zusammen und versuchte hochzukommen. Je höher er kam, desto heftiger hörte er sein Herz pochen.

Jetzt fingen auch noch die anderen beiden Jungs auf der Brüstung an: "Hey Schlaffi, was ist los? Soll dich deine Mami hochschieben?" Jona wollte gerade noch etwas zu den beiden sagen, da rutschte er weg und knallte voll mit dem Kopf in die Halfpipe.

Als er wieder zu sich kam, schob man ihn gerade auf einer Trage in einen Krankenwagen. Ingo saß ganz aufgeregt neben ihm. Der Sanitäter wollte, daß er mitfuhr. Er sollte ihm den Namen und die Adresse sagen, damit sie seine Eltern verständigen konnten. Jona spürte einen dumpfen Schmerz in seinem Kopf.

Ingo bemerkte als erster, daß er wieder bei Bewußtsein war. Er hatte schon Angst, daß er tot wäre, weil er so regungslos dalag, erzählte Ingo ganz aufgeregt. Es hätte auch ewig laut gekracht, als er mit dem Kopf in die Halfpipe knallte. Der ganze Spielplatz hat geguckt, und er war über eine viertel Stunde lang bewußtlos.

Dann beugte sich der Sanitäter über Jona und sagte ihm, daß alles wieder gut würde, daß er sich keine Sorgen machen müsse, die Flasche sei nur zur Sicherheit. Erst jetzt bemerkte Jona die Infusionsflasche über sich und den Schlauch, der irgendwo in seinen rechten Arm hineinging. Er wußte, was das war. Als sein Opa an Krebs starb und er ihn öfters im Krankenhaus besuchte, hatte er auch immer so eine Flasche am Bett.

Angst befiel ihn, ob er jetzt auch sterben mußte?

Ingo merkte, daß irgendetwas nicht stimmte. "Hey, Mann, was ist los mit dir?"

"Ich will nicht sterben! Mein Opa hatte auch immer so eine Flasche und ist dann gestorben."

Der Sanitäter lachte nur. "Die soll doch nur deinen Kreislauf unterstützen. Du hast einen ziemlich starken Schock und da machen wir das immer. Zur Sicherheit gegen Kreislaufkollaps. Reine Vorsichtsmaßnahme."

Jona beruhigte sich ein wenig. Als sie am Krankenhaus ankamen, waren Mama und Papa schon da. Man hatte sie über Funk verständigt. Mama war ganz aufgeregt und sagte immer nur: "Oh mein armes Baby."

Jona war das furchtbar peinlich. Schließlich war er ja schon 12 Jahre alt und kein Baby mehr. Aber sein Kopf tat ihm zu weh, um das mit Mama auszudiskutieren. Papa sprach mit der Ärztin. Nach dem Röntgen stellte sie fest, daß er großes Glück gehabt hatte. Nur eine schwere Gehirnerschütterung, kein Schädelbruch. Seitlich am Kopf über dem Ohr hatte er noch eine große Platzwunde. Sie wurde mit fünf Stichen genäht, nach zwei Stunden war alles vorbei.

Ingo tappte geduldig überall hin mit, hörte sich die tausend Vorwürfe von Mama an und versprach ebenso oft, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein. Papa sagte gar nichts, nur einmal beugte er sich über Jona, schaute ihm tief in die Augen und sagte: "Das wird schon wieder, mein Junge."

Es war mit Sicherheit kein besonders toller Satz. Aber Jona merkte, daß sich Papa wirklich Sorgen machte und ihm etwas Aufmunterndes sagen wollte. Papa wirkte so ernst dabei, wie er ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte. Was ihn besonders verwunderte, Papa machte ihm keinerlei Vorwürfe. Irgendwie, da hatte Ingo recht, waren Erwachsene schon komisch. Man konnte nie genau vorhersagen, wie sie sich verhalten würden.

Nachdem er komplett versorgt war, brachte ihn eine Schwester in ein Krankenzimmer. Dort lagen bereits zwei andere Jungs. Der eine war so um die 8 Jahre, der andere um die 14 Jahre alt. Mama wollte gar nicht nach Hause gehen, aber die Ärztin meinte, daß Jona nun Ruhe bräuchte und schlafen sollte.

Als Papa sie fast schon zur Türe hinausgezogen hatte, riß sie sich nochmals los und gab Jona einen vorsichtigen Kuß auf die Wange. Papa winkte und versprach, am nächsten Tag vorbeizuschauen. Ingo verabschiedete sich mit ihrem üblichen Gruß: Faust gegen die Brust und dann die Fäuste aneinander reiben. Das hatten sie aus einem Film. Jona dankte ihm noch für seine Hilfe, dann gingen sie endlich. Er war erschöpft und schlief kurz später ein.

 

Am nächsten Morgen wurde er unsanft geweckt. Zwei Schwestern knipsten das Licht an und verbreiteten eine furchtbare Hektik. Jona sah an der großen Uhr im Zimmer, daß es erst fünf nach sechs war. Draußen ging gerade die Sonne auf. Zwei, drei Strahlen blitzten durchs Fenster. Die anderen beiden kannten das Ritual bereits. Sie standen auf, gingen ins Bad, putzten die Zähne, kämmten sich und gingen auf die Toilette. In der Zwischenzeit machten die zwei Schwestern ihre Betten.

Jona wollte auch aufstehen, doch die Schwestern pfiffen ihn sofort zurück. Er solle sich ja nicht bewegen. Er habe eine starke Gehirnerschütterung, und da sei es das Beste, einfach ganz ruhig liegen zu bleiben, erklärten sie ihm. Er gehorchte gerne, denn er spürte einen stechenden Schmerz im Kopf. Die Schwestern zogen dann nur das Bettlaken unter ihm straff, schüttelten seine Decke auf und waren auch schon wieder verschwunden.

Seine beiden Zimmerkameraden kamen zu ihm ans Bett. Sie waren natürlich neugierig. Sein dicker Verband am Kopf sah aus wie ein Turban. Er fing an zu erzählen. Plötzlich hatte er das Gefühl, daß er die Geschichte ein wenig aufbauschen müßte. Er konnte doch nicht sagen, daß er aus Angst gestürzt war. So erzählte er, daß er bei einer hohen Drehung das Gleichgewicht verloren hätte und dabei mit dem Kopf aufgeschlagen sei.

Die beiden bewunderten ihn für seine mutige Akrobatikfigur. Sofort bekam er ein schlechtes Gewissen, daß er geschwindelt hatte. Doch wie sollte er da jetzt wieder rauskommen, ohne sein Gesicht zu verlieren? Deshalb lenkte er ab, indem er sie nun seinerseits ausfragte.

Der Ältere hieß Sebastian, er war nun schon seit zwei Monaten im Krankenhaus und machte zur Zeit eine Chemotherapie. Er hatte Krebs. Deshalb hatte er zur Zeit auch keine Haare, was ihn sichtlich störte. Aber bei einer Chemotherapie fallen die Haare immer aus, wie er voll Nachdruck versicherte.

Der Jüngere hieß Robert und er war hier, weil er an Neurodermitis litt. Er war schon lange hier, er war eigentlich meistens in irgendwelchen Krankenhäusern. Seine Neurodermitis zeigte sich als so bedrohlich, daß es für ihn am sichersten im Krankenhaus war. Vor allem aber auch, weil seine Eltern immer so beschäftigt waren. Deshalb besuchten sie ihn nur selten, sie riefen aber täglich an.

Gerade als Jona die beiden fragen wollte, wann es denn Frühstück gäbe, ging die Türe auf und eine Schwester brachte drei große Tabletts. Eigentlich hatte er großen Hunger, aber als er das Essen sah, wurde ihm übel. Die Schwester erklärte ihm, daß das bei einer Gehirnerschütterung ganz normal sei. Trotzdem solle er versuchen, zumindest ein wenig zu essen, damit er bei Kräften bleibe.

So aß er eine halbe Scheibe Brot und trank ein wenig Tee und legte sich dann wieder in sein Kissen zurück. Irgendwie strengte ihn das bißchen Essen und Reden gewaltig an, und so döste er fast den ganzen Tag vor sich hin. Mama, Papa und auch Ingo besuchten ihn kurz. Doch er war immer schnell müde und so blieben sie nicht lange. Einen kurzen Moment nicht aufgepaßt, konnte das Leben schon gewaltig durcheinander bringen, dachte er sich noch kurz vor dem Einschlafen am Abend.

Am nächsten Morgen wiederholte sich die Hektik mit dem Bettenmachen und dem Frühstück. Diesmal konnte er aber schon mehr essen. Gegen halb acht dann kam eine Gruppe von Ärzten herein. Alle in weißen Kitteln mit ernsten Gesichtern und Notizblöcken in der Hand. Vorne weg ein etwas älterer, er machte ein ganz besonders wichtiges Gesicht.

Er schnappte sich das Krankenblatt von Jona, blätterte darin herum, warf einen kurzen Blick auf ihn und drehte sich dann zu seiner Ärztin um. Sie schilderte ihm kurz den Fall, woraufhin sich der Arzt zu Jona zurückwandte und sagte: "Aha, Rollerbladeunfall. Tut irgendwas weh, junger Mann?"

Jona war so verdutzt, daß er nur verneinend den Kopf schüttelte. Sofort spürte er einen stechenden Schmerz im Kopf. Genau das sollte er in der nächsten Zeit vermeiden, meinte der Arzt noch, dann wandte er sich Sebastian und Robert zu. Auch hier brachte er nur einen kurzen Satz heraus, und dann waren sie schon wieder verschwunden.

"Das geht jeden Morgen so," erklärte Sebastian, "irgendwie witzig."

Fünf Minuten später wurden Robert und Sebastian zu ihren speziellen Behandlungen abgeholt. Jona war nun allein im Zimmer. Jetzt wäre sein Computer gut gewesen oder irgendetwas zum Lesen. Hoffentlich brachte ihm Mama die Sachen heute mit, die er ihr aufgetragen hatte.

So ließ er seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Neben der großen Uhr entdeckte er plötzlich ein Kruzifix. Das hatte er gestern gar nicht gesehen. Sofort mußte er an Gott denken. Und sofort dachte er auch wieder an die Worte Gottes: alles im Leben hat einen Sinn.

 

Alles im Leben hat einen Sinn! Er wußte nicht, ob er lachen, weinen oder wütend sein sollte. Da lag er mit riesigem Brummschädel im Krankenhaus und das sollte nun gut für ihn sein? Jetzt, wo zuhause alles drunter und drüber ging, muß er hier im Krankenhaus liegen? Der Gedanke machte ihn wütend. Andererseits, warum sollte ihm Gott Unsinn erzählen? Gott war nicht wie sein Vater, der ständig blöde Witze machte. Was meinte Gott mit: die Erde ist eine Art Schule?

Jetzt hätte er wieder jemanden zum Reden gebraucht. Jemanden wie Thomas. Das war eine gute Idee. Was hatte Thomas gesagt? Einfach entspannen und ganz fest an ihn denken. Ob das wohl funktioniert? Einfach an ihn denken und schon ist er da, wiederholte Jona nachdenklich. Klang ein bißchen einfach. Andererseits, was konnte er schon verlieren. Er legte sich in sein Kissen zurück, schloß die Augen, atmete mehrmals tief durch und dachte fest an Thomas.

Er wußte nicht, wie lange es dauerte. Aber plötzlich stand Thomas vor ihm. Diesmal hatte er etwas anderes an. Diesmal war er ganz leger gekleidet.

"Hallo Jona, wie gefällt es dir im Krankenhaus?" grüßte er. Jona blickte verwundert drein, er hatte doch noch gar nichts vom Krankenhaus erzählt?

"Du wunderst dich, daß ich alles über dich und deine Gedanken weiß?" Thomas lachte herzhaft. "Ich habe dir doch gesagt, daß ich immer ganz nah bei dir bin."

Jona stutzte. Woher wußte Thomas das alles? Wo war er?

"Ich bin in dir, ich weiß alles über dich, ich bin dein Berater. Ich kenne alle deine Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Selbst die, die dir selber nicht bewußt sind. Ich habe den Schlüssel für das Tor zu deinem Unterbewußtsein."

Jona wurde es unheimlich. Unterbewußtsein, Schlüssel, Tor, Berater? Was sollte das?

"Ich spüre, daß du Angst vor mir hast. Aber sie ist unnötig. Ich bin dein Freund und Berater, ich arbeite für dich. Wenn du mir vertraust, kann ich viel für dich tun."

"Woher kommst du und ...  wer hat dich geschickt?"

"Gott hat mich geschickt. Das heißt, er hat mir gesagt, ich möge mich dir zu erkennen geben. Denn da bin ich schon immer. Vielleicht kennst du mich unter dem Namen Heiliger Geist oder Schutzengel."

Das verstand er nun. Vor vier Wochen war er ziemlich leichtsinnig gewesen. Er machte alle möglichen Tricks mit seinem Fahrrad. Plötzlich fuhr er, ohne zu schauen, auf die Hauptstraße. Er hörte nur noch lautes Reifenquietschen. Knapp zehn Zentimeter vor ihm kam das Auto zum Stehen. Zu seinem Glück hatte der Fahrer superschnell reagiert.

"Ja, das habe ich gerade noch verhindern können. Es sollte eine Warnung sein, weil du immer unvorsichtiger Fahrrad gefahren bist."

"Oh, das war eine Warnung!? Der Autofahrer hat mich angebrüllt, als wollte er mir den Kopf abreißen."

"Du mußt ihn verstehen. Der ist wegen dir furchtbar erschrocken. Mit einem Schlag hast du ihn unter Hochspannung gesetzt, ihm einen Adrenalin-Schock verpaßt. Das ist Energie pur, und diese Energie mußte wieder raus."

"Ich hab mich aber auch dafür entschuldigt."

"Und du bist danach wieder viel vorsichtiger gefahren. Ich weiß. Nun aber zu deiner Frage."

"Welche Frage?" Jona guckte ganz verdutzt.

"Du willst doch wissen, warum du jetzt im Krankenhaus liegst?"

"Ja genau, ich kann beim besten Willen keinen Sinn darin entdecken. Ich sollte jetzt zuhause sein, damit ich verhindern kann, daß Mama und Papa sich scheiden lassen."

"Vielleicht liegst du ja genau deswegen hier im Krankenhaus. Gott hat dir doch schon gesagt, daß manchmal Dinge im ersten Moment schlecht erscheinen. Erst im zweiten Moment stellt man fest, daß es so doch am besten war, wie es dann gekommen ist. Woher willst du denn wissen, daß es gut ist, wenn du dich einmischst? Manchmal ist es besser, Dinge einfach laufen zu lassen. Vielleicht würdest du ja mit deinen Bemühungen genau das Gegenteil bewirken."

Jona hörte geduldig zu.

"Denk nur daran, wenn dir deine Mutter etwas verbietet, dann wird die Versuchung um so größer, genau das zu tun. Woher willst du wissen, was für deine Eltern das Beste ist? Wir hatten das schon besprochen mit den egoistischen Gedanken."

Jona verstummte, so hatte er das noch gar nicht gesehen. Vorsichtig fragte er: "Dann ist es also besser, wenn ich hier bin und sich Mama und Papa in Ruhe trennen können?"

"Lasse es mich so formulieren: Es ist besser, wenn die beiden das unter sich ausmachen können und keinen Druck von außen haben. Du willst doch sicherlich, daß deine Mutter und dein Vater glücklich sind?"

"Logisch!" antwortete Jona.

"Dann laß sie es alleine machen und kümmere du dich um dein Leben."

"Und wer ist dann dafür verantwortlich, daß ich hier im Krankenhaus liege?"

"Also ..." Thomas zögerte ein wenig, weil er nicht wußte, wie er das erklären sollte. "..... Also ich. Das heißt eigentlich du."

"Wer nun: ich oder du?" Jona verstand kein Wort.

"Du!"

"Aber du hast doch gerade vorhin gesagt, daß du es warst."

"Das ist richtig, aber ich bin ein Teil von dir und deshalb warst du es selber."

Jona paßte: "Also jetzt versteh ich gar nichts mehr. Wer bist du und wo bist du?"

"Noch mal, ich bin ein Teil von dir. Ich bin hier in deinem Unterbewußtsein. In dem Teil, den du nicht bewußt kontrollieren kannst."

"Wie kommst du da hinein?" Jona war entsetzt.

"Ich bin da schon immer drin. Den Rest muß dir jetzt aber mein Chef erklären, denn davon habe ich selber keine Ahnung."

Jona mußte lachen. "Wer ist denn dein Chef?"

"Du kennst ihn, du hast ihm doch Briefe geschrieben."

Er zuckte zusammen: "Gott?!"

"Genau."

"Und wie soll ich ihn fragen? Ich kann ihm jetzt keinen Brief schreiben, ich habe doch mein Fensterbrett nicht hier."

"Ach, jedes Fensterbrett ist wie das andere, das funktioniert überall. Aber viel leichter geht es mit der Methode, mit der du mich gerufen hast."

"Einfach fest an ihn denken und schon kommt er?"

"Probier's doch einfach aus,"  zwinkerte ihm Thomas zu.

"Wenn das so einfach ist, warum machen es dann nicht alle Menschen so?"

"Du mußt bereit sein dafür. Es bedarf einer gewissen Seelenreife."

"Seelenreife, was ist das denn?" Ihm schwirrte der Kopf bei all den neuen Begriffen.

"Was das Wort sagt, die Seele muß eine gewisse Reife, einen gewissen Grad an Erfahrung erlangt haben, um mit Gott zu sprechen. Erinnere dich an Gottes Worte. Die Erde ist eine Art Schule für die Seele. Das ist wie Latein oder höhere Mathematik, das lernt man nicht gleich in der ersten Klasse. Erst wenn du die Grundkenntnisse erlangt hast, kannst du ihn verstehen. Sonst hättest du Angst vor ihm oder würdest dich über ihn lustig machen."

Jona verstand zwar nicht genau, was Thomas ihm sagte. Aber was sollte denn schon groß passieren? Er lag ja völlig sicher in seinem Krankenbett.

"Du hast recht," meldete sich Thomas nochmals, "solange du deinem Ziel, deiner Aufgabe folgst, kann dir nichts passieren. Sprich doch nun mit Gott. Er wartet auf dich."

Jona wollte sich noch bei Thomas bedanken, doch der war schon verschwunden. Er atmete tief durch und versuchte, sich Gott vorzustellen. Doch, wie stellt man sich Gott vor? So wie in der Kirche, als älterer Herr mit weißen Haaren und Rauschebart?

Diese Vorstellung fand er albern. Da kam ihm ein Film in den Sinn. So wie der Hauptdarsteller sollte Gott sein. Souverän, groß, muskulös und cool. Also dieser Schauspieler war echt cool. Egal in welch schwierige Lage der kam, er blieb immer ruhig, überlegte scharf und fand immer eine Lösung. So stellte er sich Gott vor. Obendrein sah der auch noch gut aus und hatte in etwa das Alter von seinem Vater, Anfang vierzig.

Schon in der nächsten Sekunde stand Gott vor ihm. "Hallo Jona!"

"Du, ... du siehst ja genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe," stotterte Jona verlegen und vergaß ganz, zu grüßen.

"Danke, ich habe mir auch Mühe gegeben," lächelte ihn Gott an.

"Mühe gegeben?"

"Ja, ich erscheine den Menschen immer so, wie sie mich gerne sehen. Man darf doch seine Fans nicht enttäuschen," scherzte er.

Jona fiel sein Religionslehrer ein. "Also auf manchen Fan könntest du locker verzichten."

"Ich weiß, daß du deinen Religionslehrer nicht magst, aber verurteile ihn nicht. Weißt du denn, was ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist?"

"Nein natürlich nicht." gab er kleinlaut zu. Schon wieder jemand, der seine Gedanken lesen konnte, dachte er. Hatte er denn überhaupt keine Privatsphäre mehr?

"Ja, da wunderst du dich, nicht nur Thomas, sondern auch ich kann deine Gedanken lesen. Bedenke doch bitte, wer ich bin. Dann weißt du, daß ich das kann. Es ist dir unangenehm, weil du Angst hast, daß ich über deine Gedanken urteilen könnte. Daß ich dich wegen deiner Gedanken verurteilen könnte. Aber denke daran, alles ist gut. Auch wenn es noch so schlecht erscheint. Alles gehört zu dem Weg deiner Seele. Also warum sollte ich Gedanken, egal wie schlimm sie scheinen mögen, verurteilen?"

Jona war sprachlos. Was da alles in den letzten Tagen an neuem Wissen auf ihn einbrach, das war fast zuviel. Das warf einige der Bilder, die er sich von der Welt gemacht hatte, komplett über den Haufen.

"Ich habe dich anfangs gewarnt, es wird sich einiges in deinem Leben verändern. Alte Denkgewohnheiten mußt du ganz schön ausmisten. Ach, stell dir doch bitte mal einen Raum mit einem bequemen Stuhl darin vor, ich möchte mich gerne hinsetzen."

Jona verstand zwar überhaupt nicht, warum Gott das von ihm wollte. Aber er stellte sich einfach sein Zimmer vor.

"Hey, das sind ja tolle Poster. Überhaupt, schönes Zimmer," staunte Gott, "nur ... könntest du dir noch einen bequemen Sessel darin vorstellen?"

"Einen Fernsehsessel?"

"Ja, tolle Idee. Am besten so einen mit Massage drin. In so einem wollte ich schon immer mal sitzen."

Er stellte sich den Sessel von Peters Eltern vor. Die hatten so einen. Und schwupps saß Gott auch schon drin und spielte wie ein kleines Kind an den Knöpfen der Massageeinheit herum.

Nach kurzem Spiel wandte er sich wieder Jona zu. "Es gibt schon ein paar tolle Erfindungen. Zurück zu dir. Du wolltest wissen, wie Thomas in dich kommt."

"Genau."

"Nun, er ist schon immer in dir, ... zusammen mit deiner Seele. Er ist sozusagen der 'Personal Coach' deiner Seele, die personifizierte Verbindung von dir zu mir."

"Aber warum hat er sich mir nie gezeigt?"

"Oh, er zeigt sich erst, wenn du ihn wirklich brauchst. Wenn du bereit bist für ihn."

"Wenn ich bereit bin für ihn?"

"Ja, wenn du bereit bist, an deiner Entwicklung zu arbeiten. Dann steht er dir mit Rat und Tat zur Seite, genau wie ich."

"Dann erklär du mir doch bitte, wie ich hier ins Krankenhaus komme, denn eigentlich wollte ich gar nicht hier her."

Gott lachte. "Die Antwort findest du im 'eigentlich'. Eigentlich wolltest du nicht ins Krankenhaus. Eigentlich wolltest du dich nicht verletzen. Was heißt eigentlich 'eigentlich'?"

Jona zuckte mit den Schultern.

"Gar nichts," fuhr Gott fort. "In diesem Fall ergibt das Wort keinen Sinn. Es erschafft kein Bild. Dein Kopf sieht aber die Worte 'verletzen' und 'Krankenhaus'. Und was war die Folge?"

Jona riß die Augen groß auf. "Ich habe mich verletzt und liege nun im Krankenhaus." Er dachte einen kurzen Moment darüber nach. "Aber ich habe doch in meinem Kopf gedacht, daß ich mich nicht verletzen wollte." Dabei betonte er das Wort 'nicht'.

"Noch verwirrender!! Warum sagst du, was du nicht willst, anstatt zu sagen, was du willst," fragte ihn Gott. "Ich habe den Kopf nicht so angelegt, daß er das versteht, was du nicht willst. Nicht, was du nicht willst, sondern nur das, was du willst, versteht er. Nicht andersherum."

Jona stutzte. "Wie meinst du das jetzt, was versteht er: das, was ich will oder das, was ich nicht will?"

"Siehst du, das ist, was ich meine. Ein 'Nicht' oder ein 'Nein' ist viel zu verwirrend. Sage, was du willst, und du bekommst es. Was sagst du, wenn du ein Eis möchtest?"

Jona schaute Gott erstaunt an. "Ich möchte gerne ein Eis... ?!"

"Genau. Du sagst nicht, ich möchte keinen Pudding, nicht die rote Grütze und auch nicht das Steak."

"Logisch," fiel ihm Jona ins Wort, "wie sollte dann jemand wissen, daß ich ein Eis will, nur weil ich kein Steak will?"

"Genauso ist das mit all dem anderen. Du hattest Angst, daß du hinfällst und sagtest dir: ich will nicht hinfallen. Und du bist hingefallen. Du hattest Angst, dich zu verletzen und sagtest dir: Ich will mich nicht verletzen. Und du hast dich verletzt. Dein Kopf denkt in Bildern, also hat er dir das erfüllt, was er als Bild sah: Hinfallen und Wehtun. Das "Nicht" ist kein Bild, das überhört er."

Jona hörte ihm genau zu. "Was hätte ich mir dann sagen sollen?"

"Warum bist du Rollerblade fahren gegangen?"

"Ich wollte Spaß haben, zusammen mit Ingo," antwortete er genervt, "das ist doch logisch."

"Dann sage doch einfach: Ich will in der Halfpipe Spaß haben und ganz nach oben auf die Brüstung kommen. Sage, was du willst und du bekommst es. Mach es einfach, sage es direkt."

"Und mach es nicht kompliziert." Jona betonte wiederum das 'nicht', um Gott zu zeigen, daß er es verstanden hatte. Dann stutzte er kurz. "Warum gibt es dann die Wörter Nein und Nicht überhaupt?"

"Gehst du jetzt mit mir Rollerblade fahren?" fragte Gott unvermittelt zurück.

"Nein, ich kann doch nicht, ich bin doch verletzt," antwortete Jona spontan.

"Genau dafür brauchst du Nein und Nicht. Wenn man dich etwas fragt und du kannst nicht oder du willst nicht. Wenn du aber etwas willst, dann sind sie unnütz. Sage immer, was du willst, und nicht, was du nicht willst. Das interessiert niemanden. Das schafft nur Verwirrung."

"Ja, das habe ich gemerkt." Jona rieb sich seinen Kopf. Da erinnerte er sich an Thomas' Worte. Laut Thomas wollte er hinfallen, um hierher ins Krankenhaus und somit von zu Hause wegzukommen. Das heißt, er selbst war dafür verantwortlich.

"Jetzt sag mir doch bitte, warum wollte ich ins Krankenhaus?"

Gott lachte. "Jetzt kommen wir zu der interessanten Frage. Die Antwort wirst du selbst bald herausfinden. Vertraue mir. Aber es gib noch eine weitere wichtige Frage: warum solltest du ins Krankenhaus?" Gott machte eine Pause.

"... und warum?" platzte Jona schließlich vor Neugierde.

"Thomas hat dir schon erklärt, daß nicht immer das für alle das Beste ist, was einer will. Du wolltest dich in das Leben anderer einmischen, dann mußt du auch akzeptieren, daß man sich in dein Leben einmischt."

"Habe ich denn nicht das Recht, glücklich mit Mama und Papa zu leben?"

"Du hast ein Recht darauf, glücklich zu leben, aber du hast nicht das Recht, über andere zu bestimmen. Woher nimmst du dir das Recht, mit deinem, entschuldige, wenn ich das so sage, kleinen Verstand entscheiden zu wollen, was das Beste für alle Beteiligten ist?"

Jona schluckte.

"Du bist zwar clever. Aber kein einziger menschlicher Verstand ist auch nur annähernd dazu in der Lage, zu überblicken, was das Beste für alle ist."

"Auch nicht so Menschen wie Albert Einstein?"

"Oh Einstein. Der war sehr intelligent und genau deshalb wußte er, daß sein Verstand niemals dazu ausgereicht hätte, solche Dinge erfassen zu können. Er wußte um die Begrenztheit des menschlichen Verstandes."

"Und wer weiß dann, was das beste für alle ist?" Jona war nun neugierig.

Gott zögerte. "Wie soll ich das beschreiben. Einfach gesagt: Ich. Oder besser, das Gebilde, das über dem Menschlichen steht. Sozusagen meine Firma."

"Du hast eine Firma?" Jona riß seine Augen weit auf.

"Ja hier auf der Erde würde man so dazu sagen."

"Und was stellt ihr her?"

Gott lachte. "Wir stellen Schöpfungen her. Wir erschaffen."

"Und was?" bohrte Jona weiter.

"Seelen, die erschaffen können. Also somit alles, was du siehst."

"Die Erde."

"Richtig, und die dazugehörigen Dinge, wie zum Beispiel die Natur. Das stellen wir her und warten es auch."

"Da habt ihr ja ganz schön zu tun!" stellte er voller Bewunderung fest.

"Das kann man wohl sagen. Vor allem, wenn sich so aufgeweckte Jungs wie du in unsere Arbeit einmischen."

"Oh Entschuldigung, das wollte ich nicht."

"Ist schon okay, woher solltest du das auch wissen. Das ist ja ein Teil dessen, was du noch lernen mußt. Oder besser, woran du dich erinnern mußt," beruhigte ihn Gott.

"Woran soll ich mich denn erinnern?"

"Da kommen wir bald dazu. Zunächst mußten wir verhindern, daß du dich in das Programm deiner Eltern einmischst."

"In was einmischst?"

"In das Programm. Jede Seele hat eine spezielle Aufgabe, ein spezielles Ziel auf der Erde. Eine Erfahrung, die sie sammeln muß. Deswegen ist sie hier. Und das nennen wir Programm. Du kannst auch Karma dazu sagen oder egal wie. Da du so ein Computerfan bist, laß es uns einfach Programm nennen."

"Okay. Aber wieso habe ich mich da in das Programm meiner Eltern eingemischt? Ich will doch nur, daß sie zusammenbleiben," beharrte Jona.

"Genau, DU willst das..." Gott betonte das Du, " .... aber wollen das auch deine Eltern?"

Das hatte ihn Thomas vorhin schon gefragt, doch Jona wußte noch keine Antwort darauf. Für ihn war irgendwie klar, daß seine Eltern zusammenbleiben müssen, weil das doch alle so machen, zumindest sagen, daß es so gehört. Seine Großeltern haben sich ja auch nie getrennt, und deren Eltern ebenfalls nicht. Und in der Kirche heißt es, bis daß der Tod euch scheidet.

Gott lauschte seinen Gedanken und sprach: "Nur weil viele Menschen etwas tun, muß es noch lange nicht richtig sein. Das Leben verändert sich ständig. Das heißt, was früher richtig war, kann heute schon falsch sein. Früher war die Erde eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums. Heute wißt ihr, sie ist eine Kugel und kreist um die Sonne. Oder denke an die Medizin. Mal behandelt man eine Krankheit so, fünf Jahre später ist alles falsch und man behandelt die gleiche Krankheit ganz anders."

Gott stoppte und schmunzelte. "Komischerweise gesundeten die Patienten bei beiden Behandlungsweisen, doch das ist noch kaum jemandem aufgefallen... Aber zurück zu unseren Programmen. Kein Mensch und keine Seele hat das Recht, sich in das Programm anderer einzumischen. Es sei denn, es gehört zu seinem Programm."

Damit hatte er Jona sichtlich verwirrt, er starrte Gott an, als hätte der gerade Chinesisch gesprochen.

"Hey, ich dachte, du bist ein aufgeweckter Junge!"

"Bin ich auch," maulte Jona.

"Okay, war nur ein Scherz. Ich gebe dir ein Beispiel. Stell dir vor, du und zwei andere Jungs habt Sportunterricht. Jeder von euch dreien soll etwas anderes trainieren. Der eine Hochsprung, der zweite Diskuswerfen und du Fußball. Jetzt stellst du fest, daß alleine üben langweilig ist, und willst die anderen überreden, mit dir zusammen Fußball zu üben. Die beiden haben aber ein wichtiges Turnier am Wochenende. Also, darfst du sie von ihrem Trainingsprogramm abhalten?"

"Natürlich nicht, logisch. Das ist, wie wenn ich noch Matheaufgaben machen muß und Ingo will mit mir rollerbladen. Das geht nicht."

"Und was würdest du tun, wenn er dich zwingen wollte?"

"Dann würde ich ihm einen Vogel zeigen."

"Siehst du, genauso wenig hast du das Recht, dich in anderer Leute Leben einzumischen, es sein denn, sie bitten dich darum oder es ist deine Aufgabe."

"Was soll das heißen?"

"Gehen wir zurück zum Sporttraining. Wenn es deine Aufgabe wäre, den anderen beiden Fußball beizubringen, weil du der Trainer bist, dann darfst du dich in Ihr Leben einmischen. Du darfst ihnen sagen, was und wann sie trainieren sollen. Was sie essen und trinken dürfen und so weiter. Aber nur in diesem Fall, weil sie dir als Trainer die Verantwortung dafür übertragen haben."

"Ha, dann ist ja meine Schule, die reinste Einmischanstalt," empörte sich Jona.

Gott mußte herzhaft lachen. "Dafür sind deine Eltern verantwortlich, sie gaben den Lehrern die Erlaubnis."

"Dann mischen sich meine Eltern in mein Programm ein." Jona gab nicht auf.

"Ich weiß, daß du das nicht hören willst: du bist noch zu jung. Solange du nicht eigenverantwortlich denken und entscheiden kannst, solange müssen das deine Eltern für dich tun. Es kann durchaus sein, daß sie dabei ganz gegen dein Programm entscheiden. Das ist dann deine Ausgangsposition, von der aus du zu deinem Programm startest. Die wird dir vorgegeben. Sobald du dann eigenverantwortlich entscheiden kannst, übernimmst du die Verantwortung für dein Programm. Nur glaub mir, die meisten haben Angst davor. Sie geben die Verantwortung gerne ab und lassen andere über sich entscheiden."

"Das ist doch dumm," wunderte sich Jona.

"Ja, aber normal. Für Eigenverantwortung muß eine Seele schon eine gewisse Reife haben. Das gehört sozusagen zu den höheren Semestern. Dann weiß sie auch, wo sie sich einmischen darf und wo nicht. Sie kennt ihre Aufgabe, ihr Ziel. Und wenn sich deine Entscheidungen ihrem Ziel entgegenstellen, dann wird sie eingreifen..."

"... und mich ins Krankenhaus bringen," vollendete Jona den Satz.

"Ja ich denke, du hast es nun verstanden."

"Aber dann ist doch mein Schicksal komplett vorgegeben?"

"Warum, du hattest doch die freie Entscheidung. Du hättest dich auch einfach raushalten können aus allem. Du hast aber entschieden, dich einmischen zu wollen. Und drum liegst du hier."

"Du meinst, hätte ich gesagt 'Okay, trennt euch, ist eure Sache', dann wäre ich nicht hier?"

"Wahrscheinlich nicht. Oder du wärst dann aus einem anderen Grund hier. Grundsätzlich, das ist nun ganz wichtig, das ist eine der Grundregeln des Lebens," Gott sprach mit eindringlichem Ton, "grundsätzlich habe ich das Leben so angelegt, daß jeder absolut freie Wahlmöglichkeiten für sein Leben und für seine Entscheidungen hat."

"Ha, das ist jetzt aber lächerlich," entrüstete sich Jona.

"Warum soll das lächerlich sein? Jeder Mensch und somit jede Seele hat absolut freie Wahlmöglichkeit. Es gibt keine Verbote, keine Tabus. Das wird dir klarer werden, wenn wir über die Seele sprechen, hab einfach noch Geduld. Vielleicht eins noch:

Die freie Wahl bezieht sich immer auf das Ziel. Damit eine Seele ihr Ziel erreicht, hat sie alle Möglichkeiten frei zur Verfügung. Es liegt an ihr, wie sie sich entscheidet. Selbst ob sie sich überhaupt für die Erreichung ihres Zieles entscheiden möchte. Aber wir reden darüber noch ganz ausführlich."

"Ja, das mußt du mir genauer erklären. Ich verstehe gerade nur Bahnhof."

"Ich weiß," sagte Gott und lachte verschmitzt.

"Wie sagt ihr immer? Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Für heute war das genug Lektion. Deine Lektion bis morgen ist eine ganz besondere. Du darfst sie dir selber aussuchen."

"Selber aussuchen?"

"Ja, du hast die absolut freie Wahl... Bis morgen." Damit verabschiedete er sich und Jona schlug die Augen auf.

Im gleichen Moment flog mit lautem Getöse die Zimmertüre auf und eine Schwester brachte Robert von seiner Behandlung zurück. Er legte sich wortlos ins Bett und zog die Decke über den Kopf. Was sie wohl mit ihm gemacht haben? Robert war zu müde, um etwas zu erzählen. Er schlief sofort ein.

Perfektes Timing, dachte sich Jona. Wäre Robert nur zwei Minuten früher gekommen, hätte er ihn bei seinem Gespräch mit Gott gestört. Oder sollte das genauso sein? In seinem Kopf ratterten die Gedanken unentwegt.